Projektion - was ist das eigentlich?

Projektionen erkennen, verstehen und loslassen

Von Byron Katie stammt die Aussage: "Your partner's flaws are your own, because you're projecting them. - Die Mängel deines Partners sind deine eigenen. Du projizierst sie." Was ist damit gemeint? Stimmt das in jedem Fall? Und wie kann ich aufhören zu projizieren?

Das Spiel der gegenseitigen Projektionen zu durchschauen und es zu durchbrechen bringt uns nicht nur selbst in die ersehnte innere Freiheit, Ganzheit und Verbundenheit, wir lösen dadurch auch automatisch heilsame Prozesse in unserem Umfeld aus. Unsere Aufgabe dabei ist es einerseits, eigene Projektionen zu erkennen und sie zurückzunehmen. Gleichzeitig sind wir herausgefordert, uns von den Projektionen, die andere auf uns abladen, zu befreien. Das bedeutet also:

Wir sind gleichzeitig Geber und Empfänger von Projektionen.

Bevor ich tiefer in das Thema Projektionen einsteige, finde ich es nützlich, sich erstmal bewusst zu machen, wie sich denn ein Leben frei von Projektionen anfühlt:

Frei von Projektionen bin ich in meiner eigenen Mitte und in meiner natürlichen Kraft. Ich fühle mich frei in meinem Handeln, bin emotional unabhängig und gleichzeitig im Einklang und in Verbindung mit den Menschen um mich herum. Ich bin mit der Aufmerksamkeit bei mir selbst und bei dem, was ich gerade wahrnehme, denke, empfinde und tue. Ich kann mich selbst - und dadurch automatisch auch andere - ungetrübt wahrnehmen. Ich bin im gegenwärtigen Moment präsent.

Aus meiner Mitte heraus kann ich frei sprechen, aufrichtig sein, mich verletzlich zeigen. Ich kann aus mir selbst heraus handeln und der jeweiligen Situation angemessen agieren und reagieren. Ich muss niemandem etwas vormachen, eine Maske tragen oder eine Rolle spielen. Diese Art zu leben fühlt sich sehr friedlich, natürlich und erfüllt an. Wir können einfach so sein, wie wir ursprünglich gedacht sind.

Ein Leben frei von Projektionen ist unser natürlicher Zustand.

Wie kommt es nun, dass wir uns überhaupt aus unserer Mitte wegbewegen? Und was ist zu tun, um in diesen Einklang mit dem Leben zurückzukehren? Eine Möglichkeit ist es, uns unserer Projektionen bewusst zu werden und sie, z.B. mit Hilfe von The Work, loszulassen.

Um dem Phänomen Projektion auf die Spur zu kommen, zunächst mal ein bisschen Theorie, was Projektionen sind und wie sie entstehen:

Was bedeutet Projektion?

Die klassische Definition von Projektion als psychischer Abwehrmechanismus lautet: Ich verlagere innere Wünsche, Emotionen oder Affekte, die im Widerspruch zu meinen eigenen oder zu gesellschaftlichen Normen stehen, nach außen auf andere Menschen oder Objekte. In einem konkreten Beispiel erklärt:

Vielleicht habe ich als Kind starke Ablehnung erfahren, wenn ich wütend war und so musste ich lernen, alle Impulse von Wut zu unterdrücken, sie von mir abzuspalten. Heute bin ich überzeugt davon, dass ich selbst ein sehr friedlicher und liebevoller Mensch bin. Menschen, die Gefühle von Wut offen zeigen, verurteile ich als unreif oder aggressiv. Damit projiziere ich (von lat. proicere = vorwerfen, vor die Füße werfen) meinen inneren Konflikt nach außen, ich wehre ihn dadurch ab und muss mich auf diese Weise nicht mit meinen eigenen Wutimpulsen auseinanderzusetzen.

Projektion bedeutet, etwas, was ich nicht als Teil von mir selbst annehmen kann, im Außen zu sehen und dort zu verurteilen oder verändern zu wollen.

Das eben genannte Beispiel zeigt auch, wie der Kreislauf des Projizierens aufrecht erhalten wird und wie wir mit unseren Projektionen bei anderen (vor allem bei unseren Kindern) Schaden anrichten: Meine Eltern haben ihrerseits ihre inneren Konflikte auf mich projiziert und mich immer wieder spüren lassen, das ich nicht liebenswert bin, wenn ich Wut empfinde. Solange, bis auch ich diesen Glauben entwickelt habe. Und wenn ich ihn nicht hinterfrage, werde ich ihn auch an meine Kinder wieder weitergeben.

Übertragung und Gegenübertragung

Wenn wir im allgemeinen Sprachgebrauch den Begriff Projektion verwenden, meinen wir damit oft eine spezielle Form der Projektion: die Übertragung (Dieser Begriff stammt aus dem therapeutischen Geschehen bei der Psychoanalyse). Bei dieser Art der Projektion wird in mir ein kindliches Beziehungsgeschehen wieder lebendig. Ich übertrage Beziehungs-Erfahrungen, die ich mit meinen ursprünglichen Bezugspersonen gemacht habe, auf die gegenwärtige Situation und damit auch auf mein Gegenüber. Wieder an einem Beispiel erklärt:

Vielleicht habe ich als Kind die Erfahrung gemacht, dass mein Umfeld wenig Rücksicht auf meine Bedürfnisse genommen hat und ich habe gelernt, sie nicht so wichtig zu nehmen. Als Erwachsene stelle ich fest, dass es mir damit nicht sehr gut geht und ich mache mich auf den Weg, besser für mich selbst zu sorgen. Gerate ich jetzt in eine Situation, in der jemand anders meine Bedürfnisse nicht wahrnimmt, dann gelingt es mir nicht, ruhig und klar für mich selbst zu sprechen und selbstverantwortlich zu handeln. Stattdessen werfe ich dem anderen vielleicht vor, keine Rücksicht auf mich zu nehmen. Damit schiebe ich meinem Gegenüber die Verantwortung zu für meine eigene ungeheilte kindliche Beziehungserfahrung.

Wenn mein Gegenüber diese Projektion annimmt, fühlt er sich vielleicht schuldig, oder er übernimmt Verantwortung für mein Wohlbefinden oder er beginnt sich zu rechtfertigen. Vielleicht wirft er mir nun seinerseits vor, ich solle nicht immer das Opfer spielen oder er zieht sich von mir zurück. All das wirft nun auch ihn in seine kindlichen Beziehungserfahrungen zurück. Wir fühlen uns jeweils dem Verhalten des anderen ausgeliefert, als wären wir wieder das Kind von früher. Gleichzeitig sehen wir im anderen unsere damalige Bezugsperson, die nicht so für uns da war, wie wir es für unsere gesunde Entwicklung gebraucht hätten. Auf diese Weise haben wir den Kreislauf von Übertragung und Gegenübertragung erfolgreich in Gang gesetzt.

In einem Beziehungskonflikt begegnen sich also unsere verletzten, ungeheilten Kinder.

Wir können dieses Spiel von Übertragung und Gegenübertragung in vielen verschiedenen Varianten mit unseren Mitmenschen spielen: In wechselnden Rollen sind wir dann z.B. Täter oder Opfer, die Helferin oder der Bedürftige, der Richter oder der Schuldige, Gewinner oder Verlierer, die Heilerin oder die Kranke, der Wissende und die Dumme usw.

Ob das Spiel real oder nur in unseren Gedanken stattfindet und ob wir es mit uns nahestehenden Menschen spielen oder mit Fremden, spielt dabei keine Rolle. Energetisch hat es die gleiche Wirkung: Wir füttern das kollektive Projektions-Spiel und tragen dadurch dazu bei, dass keine Änderung in unserem Miteinander stattfinden kann.

Ob wir unsere Projektionen ausagieren oder für uns behalten macht keinen Unterschied. Sie wirken in jedem Fall.

Der Weg heraus aus dem Projektions-Dschungel

Irgendwann kommen wir an einen Punkt im Leben, wo wir dieses Spiels müde werden und uns endlich nach Frieden in unseren Herzen und nach wahrhaftiger Verbindung mit unseren Mitmenschen sehnen. Wir sind nun bereit, die Reise zurück in unser wahres Selbst anzutreten. Diese Reise, sich aus den eigenen Projektionen herauszuarbeiten, ist zwar kein Spaziergang, dafür ist der Prozess sehr beglückend und heilsam.

Vor allem am Anfang ist der Weg ziemlich holprig, denn wir müssen uns mit vielen unliebsamen Seiten von uns selbst und den lange Zeit gedeckelten Gefühlen in uns konfrontieren. Dafür brauchen wir Mut und Ehrlichkeit und eine ganze Menge Durchhaltevermögen.

Am Anfang der Reise zurück zu mir selbst steht eine mutige Entscheidung.

Doch die positiven Erfahrungen lassen nicht lange auf sich warten: Unser inneres Kind heilt mehr und mehr und unser wertender Verstand kommt zur Ruhe. Wir lassen unser kleines (oder übergroßes) Ego los und entdecken unser natürliches Sosein wieder. Unsere Lebensfreude wächst von Tag zu Tag und wir erfahren mehr Erfüllung in unseren privaten und beruflichen Beziehungen. Es fällt uns immer leichter, so zu sein, wie wir wirklich sind und endlich unser ganzes Potential zu entwickeln und es in die Welt zu tragen.

Das Erstaunliche an dieser Arbeit ist, dass wir nicht nur unsere eigene Ganzheit wiederentdecken und unsere Eigenmacht, Selbstverantwortung und Freiheit zurückgewinnen, wir ziehen durch die Entwicklung unseres Bewusstseins häufig auch die Menschen in unserem Umfeld mit. Je mehr Menschen es gelingt, die kollektive Gewohnheit des gegenseitigen Projizierens loszulassen, desto leichter können andere folgen und Frieden kann sich auf der Welt ausbreiten.

Was beim Worken zu beachten ist

Wenn wir uns mit Hilfe von The Work von unseren Projektionen befreien wollen (Siehe z.B. Beziehungen heilen) gibt es ein paar Stolperstellen, auf die ich euch noch aufmerksam machen möchte:

Um zunächst mal auf das Eingangszitat von Byron Katie zurückzukommen: "Your partner's flaws are your own, because you're projecting them. - Die Mängel deines Partners sind deine eigenen. Du projizierst sie." Stimmt das immer? Meine Antwort lautet: Nein. Wir alle haben Schwächen. Und wenn ich die Schwäche eines anderen sehen kann, bedeutet das nicht automatisch, dass ich diese Schwäche auch habe. Worum es geht ist das, was ich fühle in Bezug auf die Schwäche des anderen.

Was in mir geht mit dem Verhalten des anderen in Resonanz?

Nach dem Resonanzgesetz ziehen wir Menschen an, die das Ungeheilte in uns berühren. Dadurch haben wir die Chance es zu heilen. Wenn mich also z.B. jemand respektlos behandelt und es mich verletzt, dann kann ich mich fragen: "Welcher Teil von mir geht in Resonanz mit dem respektlosen Verhalten des anderen? Sobald ich diesen Teil geheilt habe, ist es gut möglich, dass sich die Verbindung zu meinem Gegenüber verändert. Entweder wie von Zauberhand, weil respektloses Verhalten normalerweise gar nicht zum Repertoire des anderen gehört. Oder auch weil mein Gegenüber ebenfalls zur Selbstreflektion bereit ist und innere Anteile heilt.

Falls der andere sein Verhalten nicht ändern möchte, bin ich jetzt aufgrund meiner eigenen Heilung in der Lage mich auf eine gesunde und liebevolle Weise abzugrenzen. Ich beziehe sein Verhalten nicht mehr auf mich und kann unabhängig vom anderen handeln und eigene Entscheidungen treffen. Ich kann den anderen sein lassen und so annehmen, wie er im Moment ist.

Eine weitere Falle lauert beim Worken für mich bei co-abhängigen Beziehungen. Hier braucht es manchmal eine vierte Umkehrung, die es so bei Byron Katie nicht gibt. Dabei geht es vor allem darum zu lernen, die Kontrolle über die mir nahestehenden Menschen loszulassen. Näheres hierzu steht im Artikel Coabhängigkeit lösen.

Was ganz grundsätzlich noch wichtig ist zu wissen: Worken nimmt uns nicht unseren Schmerz. Im Gegenteil, Worken unterstützt uns dabei unseren Schmerz nicht mehr zu verdrängen, sondern ihn zu fühlen, ihn zu transformieren und dadurch uns selbst und die Welt zu heilen.

Ulla Kruse
Artikel vom 08. November 2017
Zuletzt geändert am 24.Dezember 2017

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